Die Presse über unsere Konzerte 2010


Schloss und Dorfkirche Ribbeck, 11.9., Nachklang mit Wildschwein unterm Birnbaum, Saxperience, Niniwe
 
"Städter auf dem Lande. Das ist eine ganz besondere Begegnung. Die Städter schauen sich die Dörfler an, die ihnen ein Wildschwein grillen und selbstgebackenen Kuchen servieren. Und die Dörfler schauen sich die Städter an, wie die durch den Ort flanieren und rufen: »Nein, ist das süß«“ oder »Ach, ist das hübsch.« Am Sonnabend konnte man in Ribbeck wunderschön beobachten, wie sich die beiden Welten begegneten. Ribbeck war mal wieder kulturelles Disneyland. Kunst, Kuchen und Kommerz verbanden sich zu einem schmackhaft und bekömmlichen Ganzen. Diesmal waren die Brandenburgischen Sommerkonzerte zu Gast. Die renommierte Konzertreihe beendete ihre 20. Saison mit einem anspruchsvoll-heiteren Nachmittag.
[...] Unter dem Namen [Saxperience] vereinen sie ein Sopranino- und ein Basssaxofon, dazwischen zwei Sopran-, drei Alt-, drei Tenor- und zwei Baritonsaxofone. In Ribbeck spielte das Duodezett unter Leitung des Neuseeländers Simon Brew Werke von Händel, Dvorak und Albinoni, überzeugte am ehesten mit Borodins Polowetzer Tänzen. [...]
In der Kirche traten vier junge Damen vor das Publikum. Sie hatten nur ihre Stimmen dabei und wussten die auf beste Art einzusetzen. Als A-cappella-Ensemble Niniwe (...) bescherten sie der Ribbecker Kirche, die in den letzten 20 Jahren schon hunderte Konzerte erlebt hat, eine musikalische Sternstunde. [...] Ob mit zarter Ballade oder freitonaler Lautmalerei, ob mit glockenreinen Solos oder synchronem vierstimmigen Gesang – diese Stunde war kurzweilig, überraschend und ergreifend schön. Besser kann ein Musiksommer nicht ausklingen."
Märkische Allgemeine Zeitung, Marlies Schnaibel, 13.09.2010
 
 
 
Kreuzkirche Königs Wusterhausen, 5.9., Abschlusskonzert, Anna Sommerfeld, Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus, Evan Christ
 
"Ein Höhepunkt in der Musiklandschaft von Königs Wusterhausen war das Abschlusskonzert der 20. Brandenburgischen Sommerkonzerte am Samstag in der Kreuzkirche. Das Philharmonische Orchester Cottbus unter Leitung von Evan Christ zeigte sich in Bestform und lotete die Werke bis zum Schlussakkord ausdrucksstark aus.
Georg Katzers »Für Louise« lieferte einen temperamentvollen Auftakt für das zweistündige Konzert. Gemeint war nicht die preußische Königin mit dem Stück, sondern die älteste Brikettfabrik Europas in der Lausitz. (...) Es dauert nur sechs Minuten, übersetzt aber eindrucksvoll die Sprache des Industriealltages in aufgesplitterte Akkorde mit großer energetischer Dichte. (...)
[Anna Sommerfeld] interpretierte die Strauss-Lieder zu Texten von Hesse und Eichendorff mit ergreifender Eindringlichkeit. (...)
[Berlioz'] »Symphonie fantastique« [war] nach der Pause zu hören [...]. Besonders in ihrem bekanntesten, dem fünften Satz, war die Faszination der rund 350 Besucher zu spüren. Nach dem letzten Ton brandete der Beifall auf, durchsetzt von Bravo-Rufen. (...) Thomas Schmidt-Ott, Vorsitzender des Vereins Brandenburgische Sommerkonzerte, bedankte sich bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse und deren Stiftung, die »drei zauberhafte Monate Sommerkonzerte« beschert hatten."
Märkische Allgemeine Zeitung, Heidrun Voigt, 07.09.2010
 
 
 
Kreuzkirche Königs Wusterhausen, 5.9., Abschlusskonzert, Anna Sommerfeld, Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus, Evan Christ
 
"Tosende Klangfluten ergossen sich über die Hörer, die darin fast zu ertrinken schienen. (...) Nach dem effekthascherisch musizierten Hexensabbat-Finale brandete der Jubel."
Märkische Oderzeitung, Peter Buske, 07.09.2010
 
 
 
Stadtkirche Golßen, 4.9., Spreewaldtango, Yira-Yira und Trio Neuklang
 
"Yira Yira, besetzt mit Akkordeon, Violine, Percussion und Kontrabass, begannen. Sie spielten (...) Klassiker der konzertsaaltauglichen Tango-Literatur. Und entsprechend wurde auch musiziert, in hoch konzentrierter Konzertmanier; leise, introvertiert und vor allem sehr kontrolliert. Eine sparsame Tongebung mit feinen, spitzigen Geigentönen, zartem Akkordeonklang, dezentem Bass und Schlagwerk ließ vor allem die rhythmische Struktur der Stücke zum bestimmenden musikalischen Element werden. Doch auch hierin herrschte die elaborierte Konzertatmosphäre. Es schien, dass man wirklich alles tun wollte, die anrüchigen Ursprünge des Tangos zu verbergen. [...]
Nach der Pause dann das muntere Pendant zum Tango Introversion. Das Trio Neuklang kreiert schon durch seine Besetzung einen ganz anderen Sound. Das obligatorische Akkordeon wird bei ihnen durch die klangreichen und warm getönten Instrumente Klarinette und Violoncello ergänzt. (...) Lebhafter, sinnlicher, sagte der direkte Vergleich. Doch auch Außenseiter gerieten dem Trio in ihre muntere Programmfolge. (...) Diese Klassiker-Bearbeitungen verrieten ebensoviel perfektes Handwerk wie Lust am musikalischen Spaß. Dieselbe absolut souveräne Musizierhaltung prägte auch die Interpretation der Stücke. Wenn man die Instrumente derart überlegen beherrscht wie der Klarinettist Nikolai Abramson, der Cellist Arthur Hornig und der Akkordeonspieler Jan Jachmann, kratzen nicht einmal gelegentliche Albernheiten am Renommee. Im Gegenteil, mit ihren geistreichen und musikalisch wunderbar überraschenden Späßen demonstrierten sie, dass sie wohl alles können, wenn »ernste« Musik angesagt ist. (...) Louis Armstrong und Ludwig van Beethoven sozusagen gemeinsam an einem Notenpult."
Lausitzer Rundschau, Irene Constantin, 06.09.2010
 
 
 
Klosterkirche Guben, 28.8., Percussion Paradise, ElbtonalPercussion
"Die Schlagzeuger führten in Kulturen, wo die Unzahl von Geräuschen und Tönen, die Holz, Metall, ausgehöhlte Gefäße oder gespannte Felle hervorbringen können, noch viel wichtiger ist, als hierzulande. Trotzdem begann das Ganze sehr ruhig und introvertiert mit einem ganz europäischen Lied. »Song for Lea« hieß das bluesmäßige Duett für Vibraphon und Marimbaphon. Der Melodie wurde langsam eine Begleitung zugemischt, bei der sich die Musiker schön in ihren Groove versenken konnten. Der zweite Titel trommelte ganz mächtig zum Wecken. In »Trio per uno« von Nebojsa Zivkovic scharen sich drei Musiker um eine große Trommel. Aus immer diffiziler verschobenen Rhythmen entsteht ein enormer Sog, immer schneller, sensationell virtuos. Direkt vor dem Altar der Gubener Klosterkirche positioniert, wirkte das Stück wie ein rasendes Opferritual: eine archaische Zeremonie.
Auf ganz andere Weise und rituell klang das nächste Stück. Mit vielerlei dezenten Rasseln und naturnahem Klangwerk, auch ein Regenrohr wie es sogar in Gewitterszenen der Barockmusik Verwendung findet, wurden die Geräusche des afrikanischen Buschs hörbar. Wären da nicht zwei hochkulturelle Marimbaphone mit am Werk gewesen, man hätte den »African Blues« von »Elbtonal«- Mitglied Wolfgang Roggenkamp für einen veritablen Regenzauber halten können. [...]
Der Höhepunkt des Konzerts war dennoch ein Klassiker für Schlagzeugensembles: Drei Musiker spielten auf neun TomToms Russel Pecks dreifachen Hubschrauberstart »Lift off!«. Der Beifall konnte mithalten."
Lausitzer Rundschau, Irene Constantin, 31.08.2010
 
 
 
Dorfkirchen in Briesen, Kolkwitz und Dissen, 15.8., Dorfkirchenkarussell, Trio Dan, Farou-Ensemble Berlin, Celloquartett des Konservatoriums Cottbus
 
"Aaron Gabriel Dan hat sich ein romantisches, melodisch weit ausschwingendes Naturbild für sein Instrument komponiert. Durch seinen sehr warmen und ungewöhnlich dunklen Ton erhielt das Stück eine faszinierende Beseeltheit. In der Triosonate überzeugte der swingende Drive der schnellen Sätze. [...]
So auf Courage eingestellt, erwarteten die Zuhörer das Konzert des sehr jungen Celloquartetts des Cottbuser Konservatoriums. 14, 16, 18 und 20 Jahre alt sind die Mitglieder des Quartetts, zwei Schülerinnen, ein Schüler und eine Musikstudentin. (...) Für jede Epoche fanden die Musiker den passenden Klang, üppig schwelgend zum Beispiel bei Alexander Krejns »Fragment lyrique«, das in die Nähe der Klezmer-Welt wies, barocker Klangauffassung angenähert bei Joseph de Boismortier und diffus gebrochen für »Jimbo's Lullaby« von Claude Debussy. Die wahre Bezauberung dieser Musikstunde erwuchs jedoch aus der einzigartigen Mischung zweier scheinbarer Gegensätze des Musizierens. Das Quartett spielte unroutiniert frisch, und trotzdem war man bestens aufeinander eingestellt. Solistisch hervortretende und Begleitstimmen wechselte man untereinander ab, die Einsätze kamen gestochen scharf und doch nicht so glatt, dass man keine Spannung mehr verspürte.
Die mit gotischen Fresken sensationell verzierte Briesener Kirche bot den Rahmen für das Konzert des Farou-Ensembles. Die fünf Bläser des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin waren wie erwartet die routiniertesten und perfektesten Musiker des Nachmittags. Sie spielten, streckenweise atemberaubend virtuos, Bläsermusik von Jean Francaix. Dessen wichtigste Maxime, nur ja nicht zu langweilen, wurde überzeugend beherzigt. Sie galt für den ganzen abwechslungsreichen Nachmittag."
Lausitzer Rundschau, Irene Constantin, 17.08.2010
 
 
 
Schlosspark Stechau, 7.8., Romantisches Prag, Miroslav Plechatý, Symphony Prague, Štefan Britvík
 
"[Webers Klarinetten-] Konzert spielte der Prager Klarinettist Miroslav Plechatý, noch immer vom Wasser geplagt. Einige Male versagte sein Instrument, immer wieder musste er putzen und trocknen. Der innige zweite Satz jedoch ging zu Herzen, entfaltete sich in aller Betörungskunst im abendlichen Park. Dem Solisten, dem Orchester, dem Dirigenten Štefan Britvík und Carl Maria von Webers hinreißendem 3. Satz gelang es schließlich, den Himmel zu beschwören. Das Hauptstück des Abends, Antonín Dvořaks Sinfonie »Aus der Neuen Welt« durchklang eine liebliche Nacht.(...) Man kann einen ganzen Roman von Heimweh und gleichzeitiger Neugier auf die Fremde in dieser Sinfonie lesen. Štefan Britvík, unterstützt von der wunderbar durchsichtigen Klangmischung der Tontechniker, entfaltete das kunstvolle Gewebe analytisch genau und trotzdem mit unverwechselbar böhmisch geerdetem Klangsinn."
Lausitzer Rundschau, Irene Constantin, 09.08.2010
 
 
 
Marienkirche Angermünde, 1.8., Stern am Geigenhimmel, Midori, Özgür Aydin
 
"Draußen glänzt die besonnte Fachwerkidylle. Drinnen toben existenzielle Seelenstürme. Rund um die Marienkirche in Angermünde plaudern die Ausflügler bei Streuselkuchen und Kaffee über das reizende Städtchen und das zauberhafte Wetter. Im kühlen, Ehrfurcht gebietenden gotischen Kirchenschiff erwartet sie eine Art Kulturschock. Midori verwandelt den grauweißen Raum mit den hohen Säulen und Spitzbögen in eine Psychokammer mit schonungslos intensiver, Nerven zerfetzender Musik. Der Kontrast zur Außenwelt könnte nicht größer sein.
[...] Midori jagt durch die Schattenwelten des Komponisten [Beethoven], hetzt die Töne über Stock und Stein. (...) Da ist nichts Harmloses in ihren atemlosen Bewegungen, nicht einmal im bittersüßen Mittelsatz mit seinem dreistimmigen Fugato.
[...] Vergessen sind die Heuballen und Ententeiche da draußen. (...) Midoris Spiel hat nichts Blumiges an sich. Sie spielt mit vollen Segeln um ihr Leben. Sie zwingt zum Zuhören, zur Auseinandersetzung. Das ist kein Konzert für verträumte Flaneure. Die Japanerin hasst virtuoses Geschwafel. Sie kommt immer sofort auf den Punkt, legt den Finger in die Wunde. Ihre Striche treffen ins Nervenzentrum der Werke. Sie weist auf die Abgründe, legt die Komponisten auf die Couch. Sie ist auch Psychologin. [...]
Solche irrlichternden, flatternden Saiten [wie bei Szymanowski], solche Beben, die ins Nichts laufen, hat man noch nie gehört.
Dieses filigrane, mädchenhafte Wesen entfesselt musikalische Naturgewalten ... Dann wieder setzt sie Töne wie Nadelstiche. (...) Nur der tönende Augenblick zählt, der klingende Seidenfaden und das Geheimnis dahinter. Sie gewinnt im Kampf gegen alle Dämonen und entlässt die erschütterten Zuhörer wieder an die laue Abendluft zwischen Maisfeldern und stillen Seen."
Berliner Morgenpost, Martina Helmig, 03.08.2010
 
 
 
Marienkirche Angermünde, 1.8., Stern am Geigenhimmel, Midori, Özgür Aydin
 
"Beethovens dunkel dahinjagende Violinsonate Nr. 4 gingen sie recht lyrisch an. Midori bezauberte hier mit libellenflügelzarten, weit ausgespannten Melodiebögen. Der Pianist wurde von der Akustik des Kirchenschiffs benachteiligt; gleichwohl war das ausgefeilte Zusammenspiel der beiden deutlich erkennbar.
Im 1924 entstandenen 'Poème mystique' des schweizerisch-amerikanischen Komponisten Ernest Bloch schwelgten Midori und Aydin in ätherisch flirrenden, dann wieder ekstatisch aufwallenden Klangströmen. Hier konnte der Pianist sich virtuos austoben; gleichzeitig beeindruckte er durch ein ungemein transparentes Spiel. Obwohl der Klangfarbenrausch des Stücks zu Effekthascherei einlädt, traten beide Musiker stets angenehm unprätentiös auf.
[...] Die dritte Violinsonate von Brahms verwandelte sich durch den dramatischen Zugriff der beiden Musiker in ein wild zerklüftetes, wetterleuchtendes Gebirge. Midori bot hier das rare Beispiel eines vollkommen im Körper verwurzelten Geigenspiels. Die Konvulsionen und Zuckungen, die diese zierliche Person zuweilen schüttelten, hätten einem Rockgitarristen alle Ehre gemacht."
Märkische Allgemeine Zeitung, Antje Rößler, 03.08.2010
 
 
 
Marienkirche Angermünde, 1.8., Stern am Geigenhimmel, Midori, Özgür Aydin
 
"Kaum sind die ersten Töne auf ihrer kostbaren Geige ... erklungen, geraten die Zuhörer ... in den Bann einer der ganz Großen ihrer Zunft.
[...] Midoris Geigenton ist glanzvoll und technisch makellos, schreckt aber auch nicht vor schroffer Geste zurück, wenn es dem Ausdruck dient. Im impressionistisch schillernden 'Poèm mystique', zweite Sonate von Ernest Bloch, sind's die Seelenoffenbarungen voll schmerzlich-schöner Intensität, die die Hörer zum fast atemlosen Zuhören zwingen. [...]
Ebenfalls fließend, von großer innerer Spannung erfüllt, mit vollem, aber klarem Ton musiziert, sorgt die Deutung der d-Moll-Sonate op. 108 von Johannes Brahms fürs krönende Finale. Faszinierend, wie Geigerin und Pianist die Tiefgründigkeit mit Gelöstheit, melancholische Gedanken mit dramatischer Leidenschaft verschmelzen. Ein Abend der großen Gefühle."
Märkische Oderzeitung, Peter Buske, 03.08.2010
 
 
 
Laurentiuskirche Rheinsberg, 31.7., Ein Märchen aus uralten Zeiten, Peter Schöne, Moritz Eggert
 
"Keine großen Zyklen waren es, die Peter Schöne vortrug, sondern Lieder nach Gedichten von Zeitgenossen der Komponisten: Heinrich Heine, Joseph von Eichendorff, Hans Christian Andersen und Adalbert von Chamisso. Innig versunken, die Augen geschlossen, besang der Bariton die Küsse im Mondenschein, immer drängender und dramatischer entwickelten sich Handlung und Musik. Blutig endeten viele Lieder – ein Toter liegt in den Blumen und eine Braut blutig und vom Löwen zerfetzt im Staub. Peter Schöne lebte die grausamen Geschehnisse gemeinsam mit seinem Begleiter aus. Packend und energiegeladen kämpfte sich die ausdrucksvolle Stimme zum dramatischen Höhepunkt durch, während der Pianist Moritz Eggert rasant die Klaviatur des Flügels bearbeitete und dabei vom Sitz abhob."
Märkische Allgemeine Zeitung, Cornelia Felsch, 02.08.2010
 
 
 
Klosterkirche Doberlug, 25.7., »Grundton D« – Benefizkonzert des Deutschlandfunks für die Denkmaplpflege, King's Singers
 
"Wer noch nie im Kloster Doberlug war, hat etwas versäumt. Die Gäste der Brandenburger Sommerkonzerte konnten das sehenswerte Bau-Ensemble am Sonntag erleben und dazu Musik hören, deren interpretatorische Perfektion sensationell war. Die englischen King's Singers begannen mit zehn Kompositionen von Thomas Tallis und seinem Schüler William Byrd. Beide ... Komponisten ... bestimmten mit ihrer Kunst die britische Musik des Jahrhunderts. Die Werke erklangen bruchlos hintereinander. So entstand ein meditativer Sog; die Fantasie konnte mittelalterliche Mönche imaginieren, hörte die Wechselgesänge frühmorgendlicher und nächtlicher Andachten.
[...] Inzwischen hat sich das Ensemble durch verjüngende Umbesetzungen immer wieder neu erfunden. Die Konstante ist die sensationelle Stimmkultur und ein schubladen- und grenzenfreies Repertoire, das von der Gregorianik bis zur Moderne, vom tiefernsten Lamento bis zur sängerisch exquisiten musikalischen Alberei reicht; englischer Humor eben.
[...] Englische Countertenöre singen klar geradeaus und vollkommen ohne Vibrato und klingen eben doch nicht wie Knaben- oder Frauensoprane, sondern deutlich kehliger. Auch in die extrem hell herausgebrachten Vokale, die beispielsweise den »Frühling« gern zum »Frieling« machten, musste man sich erst einmal hineinhören. Viel gelungener die King's-Singers-Auftragskomposition des Australiers Malcolm Williamsson »The musicians of Bremen« mit Hahn, Esel, Hund, Katze und vier bösen Räubern sowie die Zugabe mit einem gut abgemischten Klassik-Ragout auf den Text »Der Kuckuck und der Esel«."
Lausitzer Rundschau, Irene Constantin, 27.07.2010
 
 
 
Nikolaikirche Luckau, 24.7., Atlantikbrücke mit Klarinette, Paul Meyer, Kammerakademie Potsdam
 
"Das berühmte Klarinetten-Konzert A-Dur und die so genannte »Große g-Moll-Sinfonie« waren als ganz besondere Jubiläums-Musiken zu hören – aber wie!
Meyer war es, der beim zahlreichen Publikum als Solo-Klarinettist besonders gefiel. Er spielte und leitete das Orchester zugleich – bei Cembalisten des Barocks soll das nicht ungewöhnlich gewesen sein. Von Klarinettisten ist davon nichts überliefert. Die Streicher der Kammerakademie Potsdam haben mit ihrem homogenen und facettenreich-ausdrucksstarken Klang so etwas wie ein Markenzeichen für dieses Ensemble mit gutem Ruf weit über die Grenzen Brandenburgs hinaus. Wenn dann noch ein Musiker wie Paul Meyer ... beim Ensemble zum Musizieren ist, dann sind besondere Hörgenüsse zu erwarten. Elgars Streicher-Serenade gaben die Musiker als Konzert- Auftakt in allen drei Sätzen in lyrisch-weichem Spiel. Besonders schön das Wechselspiel mit dem musikalischen Thema im Allegretto, dem dritten Satz. Ein optischer Genuss war der gefasste und unhektische Dirigier-Stil Meyers. (...)
Aber der Mozart – welches Werk war besser musiziert? (...) Paul Meyer und die Kammerakademie spielten ... das Klarinetten-Konzert so, als wäre es die Premiere im Jahr 1791 (dem Todesjahr Mozarts) und als sollte es besonders gefallen. Beschwingt ging es ins Allegro, in dem Mayer als dirigierender Solist auf der Klarinette federleicht und scheinbar spielerisch die Kadenzen gab, als wäre dies mühelos machbar. Das beliebte Adagio kam in dieser Interpretation als eine musikalische Liebeserklärung in das Publikum. Das Rondo wurde mit Klarinette und Orchester zu einem schelmisch-tänzerischen Schäkern. Die g-Moll-Sinfonie als gleichwohl beliebtes Werk, entstanden 1788, forderte das Ensemble durch ihre Vielseitigkeit besonders. Erklang das Allegro mit dem bekannten musikalischen Thema beschwingt und in schöner Dynamik, aber auch mit gekonnten »harmonischen Ausbrüchen«, so gaben die Potsdamer Musiker das Andante als Mischung des Ruhig-Verträumten und der dynamischen Ausbrüche, um rasch wieder ins ruhigere »Fahrwasser« zu gelangen. Nach dem spannungsgeladenen und kräftig gebotenen Menuett gelang das Allegro assai mit Tonkaskaden in den Violinen, mit den vielen geforderten sprunghaften Einsätzen und lieblichen »Musik-Einsprengseln« furios und meisterlich. Langer und herzlicher Beifall des großen Publikums war der Dank. In einem Grußwort gratulierte der Schirmherr der Brandenburgischen Sommerkonzerte, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), dem Festival zum »Zwanzigsten« und würdigte es als ein kulturelles Markenzeichen des Landes."
Lausitzer Rundschau, Detlef Simsch, 26.07.2010
 
 
 
Oberkirche St. Nikolai Cottbus, 18.7., Berühmte Knaben a cappella, Regensburger Domspatzen, Roland Büchner
 
"Die ungekünstelte Stimm-Schönheit der Regensburger Knaben und jungen Männer feierte sich selbst im Glanz der durchaus theatralisch inszenierten katholischen Gottesdienste. Die sehr instrumental zurückgenommene Stimmführung, mit der sächsische Knabenchöre ihre Bach-Motetten singen, ist den Domspatzen fremd, sie singen volltönender und dynamischer. Giovannis Gabrielis »Jubilate Deo« entführte in den zu mehrchörigen Werken einladenden Markusdom zu Vendig, Orlando die Lasso in die überbordende Pracht süddeutscher Kirchen, Tomas Luis de Victoria nach Spanien. Man dachte an den Formenreichtum der Kathedralen, an Stuck, Gold und Bilderschmuck, während die reinen und volltönenden Stimmen im lichten Raum der Cottbuser Kirche miteinander verschmolzen. Vor allem der lange schwebende Nachhall ließ erkennen, wie intonationsrein die Knaben aus Bayern singen. Mit Melchior Vulpius hatte sich auch ein protestantischer, reich figurierter Chorsatz ins Programm geschlichen. Er erfreute durch seinen erfrischend lockeren Schwung."
Lausitzer Rundschau, Irene Constantin, 20.07.2010
 
 
 
Dorfkirche Cumlosen, 17.7., Frédéric Chopin zum 200. Geburtstag, Bernd Glemser
 
"Der Pianist hat aus Mendelssohn Bartholdy, Chopin und Liszt ein wohlabgestimmtes und dabei sehr massenhörtaugliches Programm gebaut. Wer indessen den leisen Verdacht müder Sommerurlaubs-Routine hegt, wird gleich mit Mendelssohns „Liedern ohne Worte“ eines Besseren belehrt. Die Miniaturen erklingen als scharf profilierte Charakterstücke: verstörend fallen die Diskant-Triller in das ohnehin schon zerbrechliche Idyll des „Venezianischen Gondelliedes“ ein, und der e-Moll- Trauermarsch klingt bestürzend wuchtig, wie eine Vorahnung des Beginns von Mahlers 5. Sinfonie.
Das ist keinen Takt lang nur entspannt-lyrisch, geschweige denn kulinarisch erholsam, in seiner latenten Dramatisierung dann freilich auch ein wenig undifferenziert. Mit den leisen Tönen hat es Glemser kaum, das Schwebende oder leicht Federnde scheint er nicht zu mögen, und das hat zum Beispiel die Konsequenz, dass die beiden Chopin-Nocturnes op. 27 weniger auf ihre Kontrastsetzung zwischen Moll und Dur, Beängstigung und Beseligung als auf eine Art verbindender Mitte hin ausgespielt werden.
In der g-Moll-Ballade des Polen hingegen und noch mehr in Liszts gewaltiger (und fast schon gewalttätiger), exzentrischer h-Moll-Ballade nach der Pause findet diese Art der Interpretation dankbare Gegenstände. Zwischen hart dröhnenden, mit brutaler Wucht herausgehämmerten Akkordsäulen und beängstigenden, wie schwarze Löcher im Klangfluss stehenden Pausen entwickelt der Pianist eine Architektur des Diskontinuierlichen und Brüchigen, die im Moment ihres Entstehens schon wieder auseinanderfällt: beeindruckende Bilder einer zu konzentriertem Ausdruck gezwungenen inneren Zerrissenheit."
Märkische Allgemeine Zeitung, Gerald Felber, 20.07.2010
 
 
 
Dorfkirche Cumlosen, 17.7., Frédéric Chopin zum 200. Geburtstag, Bernd Glemser
 
"Chopins 'Nocturnes' profitieren von seinem klaren Anschlag, auch wenn die Klangmischungen etwas von Farbmusterstreifen bekommen. Am schwersten tut sich Glemser mit Liszts h-Moll- Klaviersonate. Wenn man hier keinen Weg nach innen findet, jenseits des Klangwütens, kann sich jene magische Aura kaum entfalten, auf die es Liszt ankam. Trotzdem: Glemser ist ein guter Pianist."
Der Tagesspiegel, Ulrich Amling, 19.07.2010
 
 
 
Dorfkirche Cumlosen, 17.7., Frédéric Chopin zum 200. Geburtstag, Bernd Glemser
 
"Wer in den ersten Reihen saß, hatte das Glück, die Fingerarbeit von Bernd Glemser sehen zu können. Seine Finger flogen förmlich über die Tasten des Bechstein-Flügels. Manchmal schien er die Tasten kaum zu berühren. (...) Mit seinem Spiel begeisterte er die Zuhörer in Cumlosen, die mehrfach in der Versuchung waren, kleinste Pausen (...) zu nutzen, um bereits zu applaudieren. Letztendlich trauten sich das die Konzertbesucher aber nicht, da sie Glemser nicht unterbrechen wollten. Umso stärker fiel dann der Applaus jeweils am Ende der drei Konzertabschnitte aus. Die Zuschauer standen von ihren Bänken auf, einzelne riefen sogar 'Bravo!'"
Märkische Allgemeine Zeitung "Der Prignitzer", Axel Knopf, 19.07.2010
 
 
 
Stadtkirche Calau, 11.7., Robert Schumann zum 200. Geburtstag, Olga Gollej und das Leipziger Streichquartett
 
"Das Leipziger Streichquartett folgte dem intimen Kompositionsgestus auch in der Interpretation. Alles war auf einen homogenen Klang abgestimmt. Kleine Höhepunkte in jeder Stimme, mal ein kurz entwickelter Spitzenton, der elegante Bogen einer Phrase, ein markantes Begleitmotiv, alles blieb eingebettet in den Gesamtklang, mit etwas Understatement musiziert. (...)
Dass auch das laut Vortragsbezeichnung 'Allegro brillante' glitzernd und auftrumpfend beginnende Klavierquintett eher samtig schimmerte als brillierte, ist dem butterweichen Klavierspiel Olga Gollejs zu danken. Dem Trauermarsch des 2. Satzes bekam das unsentimentale Spiel der Pianistin und des Streichquartetts wiederum gut. Er geriet weniger tränenselig als sanft melancholisch, auch der dritte und der Schlusssatz überraschten mit vielen interpretatorischen Ideen. Insgesamt gelangen alle Charakterstück-Sätze überzeugender als die gedankenschweren Kopfsätze – was nicht nur an den Interpreten, sondern auch am Komponisten liegt. (...)
Viel Beifall für den Kammermusik-Nachmittag der Brandenburgischen Sommerkonzerte."
Lausitzer Rundschau, Irene Constantin, 13.07.2010
 
 
 
Klosterkirche Altfriedland, 4.7., Hochbegabte Debütanten, Schüler des Musikgymnasiums "Carl Philipp Emanuel Bach" Berlin
 
"Mit einem Bläsertrio von Mozart begann die von Spiellaune geprägte Leistungsschau, mit dem 'Schelmischen Ständchen' von Trygve Madsen endete sie. Mit langem, gleichmäßig fließendem Atem warf man sich im Dreierspiel herrlich unbekümmert die 'Bälle' zu. Dazwischen stellten sich die Akteure solistisch vor. Begleitet wurden sie von Andreas Schulz, der sich am Bechstein-Flügel als solider, elegant anschlagender Mitspieler entpuppte. Als intensiverer Mitgestalter profilierte er sich im 1. Satz des Beethoven-Trios für Klarinette, Fagott und Klavier.
Auch für die anderen galt: Sie führten nicht nur gut beherrschte Technik, sondern auch Ausdruck vor. Wie Klarinettistin Magdalena Faust in einer zwischen Neoromantik und Swing reizvoll pendelnden Sonatine von Joseph Horovitz. Oder Fagottist Paul-Georg Straka, dem in schier atemberaubenden Sätzen einer Telemann-Sonate fast die Puste auszugehen schien. In der Ballade von Frank Martin und dem Concertino von Cécile Chaminade überzeugt die Flötistin Hanna Keller als souveräne Gestalterin mit klarem, geradlinigem Ton. Sie alle genossen das (Beifalls-) Bad in der Menge."
Märkische Oderzeitung, Peter Buske, 06.07.2010
 
 
 
Uckermärkische Bühnen Schwedt, 19.6., A Tribute To Glenn Miller, Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra
 
"Selten hat man Swing live so authentisch gehört... Starke Bläser, präzise Satzarbeit und ausgezeichnete solistische Beiträge bestimmten das Schwedter Konzert."
Märkische Oderzeitung, Eca-Martina Weyer, 23.06.2010
 
 
 
Erlöserkirche Potsdam, 13.6., Eröffnungskonzert, Alban Gerhardt, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Ingo Metzmacher
 
"Was für den Dirigenten zu einer grandiosen Abschiedsaufführung wird, erweist sich als verheißungsvoller Beginn der 20. Brandenburgischen Sommerkonzerte."
Der Tagesspiegel und Potsdamer Neueste Nachrichten, Babette Kaiserkern, 15.06.2010
 
 
 
Erlöserkirche Potsdam, 13.6., Eröffnungskonzert, Alban Gerhardt, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Ingo Metzmacher
 
"Den Beginn machte Claude Debussy, der seine 'Préludes à l'après-midi d'un faune' (...) im Jahr 1894 fertig stellte. (...) Sehr einsichtig strukturiert gespielt und von Metzmacher feinnervig dirigiert.
[...] Nach der Pause kam der Ohrwurm der Programmmusik in Gestalt der 6. Sinfonie ... von Beethoven. (...) Diese heitere Beschwingtheit hielt sich in Metzmachers Interpretation auch über Unbill wie Gewitter und Strum hinweg, und die frohen und dankbaren Gefühle nach dem formidablen Intermezzo entsprachen ganz der besonderen Qualität dieses Eröffnungskonzertes."
Märkische Allgemeine Zeitung, Matthias Müller, 15.06.2010
 
 
 
Zum Jubiläum der Brandenburgischen Sommerkonzerte
 
"Alle drei [brandenburgischen] Festivals sind im Zuge der Wiedervereinigung entstanden und begehen deshalb jetzt ihr 20-jähriges Jubiläum. Ein Fazit: Es sind durchweg Erfolgsgeschichten – Höhepunkte, Krisen und stagnierende Budgets eingeschlossen. Wobei in den Grußwörtern der Politiker gern der falsche Akzent betont wird. So lobt Ministerpräsident Matthias Platzeck bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten zuerst die seit 20 Jahren beständig steigenden Besucherzahlen. Wachstum klingt immer nach einer Erfolgsgeschichte. Tatsächlich aber begaben sich Ende der Neunzigerjahre die meisten 'Klassiker auf Landpartie', die Sommerkonzerte waren ausgeufert bis ins Weihnachtsfest hinein. Um die Jahrtausendwende stürzte das Festival in eine Sinnkrise und musste sich in Bescheidenheit neu erfinden. Die Fähigkeit, neue Ziele zu formulieren, ist die eigentliche Erfolgsgeschichte. 'Die ersten Landpartien hatten immer auch etwas Kultur- Imperialistisches an sich", sagt der heutige Leiter Thomas Schmidt-Ott: 'Die West-Berliner zogen aus, um das verloren geglaubte Land wieder zu entdecken.' Der Begriff Landpartie wird heute nur noch am Rande geführt, die Macher fühlen sich eher als Kulturdienstleister im Land Brandenburg. [...]

Die Sommerkonzerte richten sich jetzt strukturell nach ihrem Hauptsponsor Sparkasse aus – die Konzerte sind kulturpolitisch korrekt übers Lanmd verteilt. Das heimische (Sparkassen-) Publikum teilt sich jetzt die Plätze mit den Klassikern auf Landpartie. Das ist genau genommen die beste Vereiningungsgeschichte."
Die Welt, Volker Blech, 19.06.2010
 
 
 
Zum Jubiläum der Brandenburgischen Sommerkonzerte
 
"Das Experiment Sommerkonzerte ist geglückt."
Lausitzer Rundschau, Renate Marschall, 12.06.2010
 
 
 
Zum Jubiläum der Brandenburgischen Sommerkonzerte
 
"In den ersten Jahren waren es echte Abenteuer-Trips. Expeditionen ins Unbekannte, über löchrige Buckelpisten in eine Region, die jahrzehntelang von der Insel Berlin (West) abgeschnitten gewesen war. Neben der Landkarte und Fontanes 'Wanderungen durch die Mark Brandenburg' hatte man besser auch immer einen Picknick-Korb dabei – denn das gastronomische Angebot war noch weit entfernt vom Anschluss ans Weltniveau.
Und doch waren diese ersten Ausflüge der Mauerstädter ins Umland berauschende Erlebnisse, getragen von ungebremster Entdeckerfreude und Wiedervereinigungseuphorie. In diesem ersten Nachwende-Sommer schlug die Geburtsstunde der Brandenburgischen Sommerkonzerte. Die Idee von Werner Martin, im Hauptberuf eigentlich Anwalt, war von Anbeginn die Begegnung zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Land, Kunst und Natur. Zunächst waren die musikalischen Landpartien eine sehr berlinerische Angelegenheit: Man fuhr mit dem Sonderzug oder dem Reisebus zum Zielort, lief in geführten Grüppchen staunend, oft auch erschrocken, durch marode Altstädte, vorbei an bröckelnden Fassaden, über triste Plätze, bis hin zur Kirche oder zum Herrenhaus des Ortes, wo Stärkung winkte in Form der Kaffeetafeln, die von lokalen Hausfrauen mit Gebrühtem und Gebackenem beschickt wurden. Nach dem Konzert war man oft froh, wieder in die plötzlich so wohlhabend erscheinende Metropole zurückzukehren. Ein leichter Hauch von Imperialismus schwang da durchaus mit, das Gefühl der Kulturlandverschickung: Wir bringen den Dörflern Hauptstadtniveau – und uns gleich selber noch mit.
Doch so, wie sich im Lauf der Zeit die Sommerkonzerte zu einem Fixpunkt in der Planung kulturbegeisterter Hauptstädter mauserten, ließen sich von Jahr zu Jahr auch immer deutlicher die Segnungen des Aufbau Ost nachvollziehen. Heute sind die Straßen perfekt, die Infrastruktur funktioniert, und Geschäftsführer Arno Reckers kann stolz darauf verweisen, dass bei vielen Konzerten nur noch die Hälfte der Besucher aus der Hauptstadt anreist. Die übrigen Tickets an die Leute werden vor Ort verkauft.

Immer sonnabends und sonntags bieten die Sommerkonzerte von Ende Juni bis Anfang September ihre Tagesseminare in Entschleunigung an, 20 000 Tickets werden jedes Jahr verkauft, über 500 Konzerte mit rund 9000 Künstlern waren seit 1990 zu erleben, an 200 verschiedenen Spielstätten. In diesem Jahr sind zehn neue Orte dabei: Strausberg, Neustadt an der Dosse, Calau, Großkmehlen, Briesen (Spreewald), Dissen, Kolkwitz, Pritzwalk, Guben und Ribbeck (Havelland). Viele von diesen Fleckchen brandenburgischer Erde würde wohl kaum ein Berliner für sich entdecken, wenn es den Katalysator der Sommerkonzerte nicht gäbe. Das Festival ist immer wieder ein guter Anlass, sich auf den Weg zu machen, um jenseits von Neonaziterror und Stasiverstrickungen ein Brandenburg zu suchen, wie es sich Friedrich der Große erträumte: aufgeklärt und kunstsinnig, heiter und polyglott.

In diesem Jahr beginnt das Festival am 13. Juni in der Erlöserkirche Potsdam mit einem Auftritt des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Dieses Konzert gibt die Richtung des Jubiläums- Programms vor: Dem künstlerischen Leiter der Sommerkonzerte, Joachim Pliquett, ist es nämlich gelungen, 2010 zu einem echten Orchesterfest zu machen. Standen in bisher vor allem kammermusikalische Formationen im Mittelpunkt, so wird diesmal der sinfonischen Opulenz gehuldigt. Alle vier Klangkörper der Berliner Rundfunk Orchester und Chöre GmbH sowie die großen brandenburgischen Orchester werden bis zum 11. September dabei sein.

Zu einem Höhepunkt dürften auf jeden Fall am 22. August der Auftritt des Berliner Rundfunkchors sowie des Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin in der Pritzwalker Nikolaikirche werden, bei dem Marek Janowski Schuberts As-Dur-Messe dirigiert. Was für ein erstaunliches Niveau sich die Brandenburger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Michael Helmrath erarbeitet haben, ist am 29. August 2010 in der Marienkirche von Beeskow zu erleben. Das Konzert der Kammerakademie Potsdam mit dem Klarinettisten Paul Meyer am 24. Juli in der Luckauer Nikolaikirche hat einen prominenten Moderator: nämlich den früheren brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm. Populäre Großereignisse schließlich sollen die Open-Air-Konzerte am 10. Juli auf dem Landgestüt in Neustadt/Dosse sowie am 7. August im Schlosspark Stechau werden."
Der Tagesspiegel, Frederik Hanssen, 28.03.2010

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