Thärichens Tentett


Thärichens Tentett feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. In dieser Zeit hat die Süddeutsche Zeitung Thärichens Tentett gepriesen als „das kompositorisch Gelungenste, arrangementtechnisch Ausgefeilteste und in der Präsentation Humorvollste, was derzeit in Deutschland von einer größeren Besetzung kommt“. Und über Michael Schiefel urteilte die Frankfurter Allgemeine: „Einen solchen Jazzsänger hat Deutschland vielleicht noch nie gehabt“. Auch das Publikum ist immer enthusiastischer geworden, vom ersten Album Lady Moon zur dritten CD Grateful, vom ersten Auftritt 1999 im Berliner A-Trane bis zu den Konzerten 2009 in China.
Nun, zehn Jahre nach der Gründung, acht Jahre nach dem Debütalbum, erscheint das vierte Album von Thärichens Tentett: Farewell Songs. Nimmt Thärichens Tentett etwa Abschied? Kein Grund zur Sorge: Nicolai Thärichen und dem Tentett geht es bestens. Die Musik mag gereifter klingen, ist dadurch aber nicht weniger durchgeknallt: Thärichens Tentett blickt dem Ernst des Lebens mit einer gehörigen Portion Selbstironie ins Auge.

 
 

Betrauert Sven Klammers Flügelhorn in „The last day of my youth“ elegisch den Abschied von der Jugend, lässt Kai Brückners Gitarre sie im virtuos arrangierten AC/DC-Coverstück „Up to my neck in you“ mit voller Kraft wieder auferstehen. In der Dorothy Parker-Vertonung „On being a woman“ philosophiert das Tentett rockig-ironisch über das ewige Dilemma, sich zwischen zwei Dingen entscheiden zu müssen: Bin ich in Rom, will ich nach Hause, bin ich zuhause, will ich nach Rom. Eine solche Steilvorlage lässt sich Michael Schiefel nicht nehmen: Er legt los mit einer Scat-Improvisation, aber nicht getreu den Konventionen des Jazz, sondern in der Stimme eines überkandidelten Opernhelden: Abschiede können richtig Spaß machen. Wenn der Partner einen behandelt wie Dreck, warum ihn nicht verlassen mit Worten wie diesen: „It’s none to soon / for a new spittoon / and something else to shit in“? Dazu der funkige Groove im 7/4-Takt: Tür zuschlagen im Tanzschritt.
Doch auch ernste Einschnitte der letzten Zeit fließen in die Musik ein. Die dreiteilige „Farewell Suite“ hat Nicolai Thärichen seinem kürzlich verstorbenen Vater gewidmet, dem Komponisten, Autor und langjährigen Solo-Pauker der Berliner Philharmoniker, Werner Thärichen (1921-2008). Doch wie nur vertont man den Abschied vom Vater? Die Suite schreitet von Trauer und Schmerz („Waltz for my Father“) zum fragenden Innehalten („Strange Bells“) und findet beim Song „If“ ein versöhnliches Ende in den lapidaren Zeilen Robert Creeleys: „...you’ve had the world, such as you got. / There’s nothing more, there never was.“ Die ruhig dahin gleitende Ballade „This Time“ handelt dann doch noch von der Liebe. Ausnahmsweise sogar von einer glücklichen, und dabei unerwarteten. Manches Gefühl, auch das ist Thema dieser sehr persönlichen Platte, versteht man eben erst mit der Zeit. Die Farewell Songs von Thärichens Tentett klingen so gereift wie intensiv, sind todernst und total abgedreht. Sie handeln vom Verlieren und vom Finden, und davon, dass man das eine selten ohne das andere bekommt.

So, 8. August, Kurt-Mühlenhaupt-Scheune Bergsdorf

   

 

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